Ein düsteres “Gedenkjahr”

Vor 20 Jahren brach der sowjetisch-chinenesische Konflikt aus

Vor 20 Jahren trat der sowjetisch-chinesische Konflikt offen zutage. Im Sommer 1960 berief Nikita Chruschtschew der damalige Parteichcf und Premierminister der Sowjetunion, samtliche sowjetischen technischen Experten (etwa 4000-5000 an der Zahl) aus China ab. Die sowjetischen Berater verliessen die Volksrepublik China und nahmen auch alle technischen Instruktionen und Unterlagen mit sich. Seitdem hat sich der Konflikt zwischen beiden kommunistischen Giganten vertieft; die Spannungen zwischen Moskau und Peking haben sich noch weiter verschärft. Heute ist der sowjetischchinesische Antagonismus ein permanenter Faktor der sich in ständigem Wandel befindenden internationalen Lage. Die Möglichkeit einer Aussöhnung auf Parteiebene ist zurzeit kaum denkbar. Vor der Invasion Afghanistans fanden in Moskau sowjetisch-chinesische Verhandlungen statt, die bestenfalls zu einer “friedlichen Koexistenz” (einer Art Detente zwischen Moskau und Peking) hätten führen können. Unmittelbar nach der sowjetischen Intervention in Afghanistan brach Peking die Moskauer Gespräche ab.
Von Interesse ist die Tatsache, dass trotz allen personellen und politischen Wandlungen in beiden Ländern der 20jährige Konflikt nicht überbrückt werden konnte. Die beiden kommunistischen Erzfeinde waren nicht einmal zu einer Kompromisslösung bereit, wie sie etwa im Nahen Osten zwischen Israel und Дgypten erarbeitet werden konnte.

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1960 offenbarte sich der sowjetisch-chinesische Antagonismus vor aller Welt. Aber schon in den fünfziger Jahren existierten Reibungen zwischen der KPdSU und der KP China. Der 20. Parteikongress der KPdSU, der den “Personenkult Stalins” verurteilte, verärgerte die chinesischen Kommunisten. Bis auf den heutigen Tag verehren die Chinesen Stalin als “Klassiker des Marxismus-Leninismus” (freilich mit gewissem Vorbehalt; so z.B. kritisierte und kritisiert die Pekinger Führung die Sowjetisierung Osteuropas, die unter Stalin ihren Anfang nahm). Die Spannungen zwischen Moskau und Peking verschärften sich 1958, als Mao Zedong seinen “Grossen Vorwärts-Sprung” verkündete.
Als der Bruch zwischen beiden Ländern 1960 schon vollendete Tatsache war, attackierte die chinesische Presse Moskau als Zentrum des “Revisionismus”. In den Jahren der “Grossen Kulturrevolution” wurden sowjetische Diplomaten öffentlich verhöhnt. Die Pekinger Strasse, in der sich die sowjetische Botschaft befindet, wurde 1967 zur “Anti-Revisionisten-Strasse” umgetauft (erst kürzlich liess Peking diese diffamierende Strassenbezeichnung fallen).
Als 1969 die “Kulturrevolution” abebbte und Lin Biao um Nachfolger Maos ernannt wurde, ebbten die Spannungen zwischen Moskau und Peking keineswegs ab. Im gleichen Jahre kam es zu bewaffneter Zusammenstössen im Grenzgcbiet (auf der Halbinsel Damansk — am Ussuri). 1971 wurde Lin Biao beschuldigt, einen Staatsstreich geplant zu haben (seine Leiche wurde in der Mongolei in einem abgeschossenen Flugzeug gefunden). Premier Zhou Enlai wurde damals besonders einflussreich. Aber auch 1971-1976 verbesserten sich die sowjetisch-chinesischen Beziehungen nicht. Als Mao Zedong und Zhou Enlai 1976 starben und es zum Kampf um die Nachfolge kam, waren sowohl die radikale “Viererbande” als auch deren Gegner antisowjetisch gestimmt. Bekanntlich wurde die “Viererbande” verhaftet und Deng Xiaoping wurde — neben Premier Hua Guofeng — zum faktischen Machthaber Chinas.
Heute ist der sowjetisch-chinesischen Konflikt nicht weniger gefährlich als vor 20 Jahren. Während aber in den sechziger Jahren (und teilweise auch Anfang der siebziger Jahre) die sowjetisch-chinesische Rivalität hauptsächlich ideologisch motiviert war, handelt es sich gegenwärtig um einen deutlich ausgeprägten Machtkonflikt. In den sechziger Jahren beschuldigte Peking die Moskauer Führung dessen, dass der Kreml bereit sei, mit den “Imperialisten”, und insbesondere mit den Vereinigten Staaten, zu paktieren. Die Chinesen machten Chruschtschew den Vorwurf, er sei dem “Imperialismus” gegenüber allzu kompromisslerisch gestimmt.

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Statt des “Revisionismus” klagt jetzt Peking die Sowjetführung des “Hegemonismus” an. Die revolutionär überschwenglichen Pekinger Losungen der fünfziger und sechziger Jahre sind heute vergessen. Unter Deng Xiaopings Führung hat China eine Reihe von pragmatischen Wirtschaftsänderungen vorgenommen, die früher als “revisionistisch” gegolten hätten. Auch auf außenpolitischem Gebiete hat sich vieles geändert. Pekings Beziehungen zu Jugoslawien, das zu Lebzeiten Maos ständigen Attacken ausgesetzt war, haben sich nicht nur normalisiert, sondern sind sogar ausgesprochen freundschaftlich geworden. Albanien hat sich von China — aus ideologischen Gründen — abgewandt und steht nun in der kommunistischen Welt allein da; Moskaus Annäherungsversuche blieben in Tirana erfolglos.
Fundamental haben sich die Beziehungen Pekings zu Japan, West-Europa und den Vereinigten Staaten geändert. China kooperiert mit den “Imperialisten” aufs engste auf den Gebieten der Wirtschaft und Technologie. Eine militärische Zusammenarbeit hat zurzeit noch keine konkreten Formen angenommen, lässt sich aber künftig keineswegs ausschliessen.
Gleichzeitig haben sich Pekings Beziehungen zur UdSSR erneut beträchtlich verschlechtert. Schon 1968, als Moskau dem “Prager Frühling” auf militärischem Wege ein Ende setzte, fühlte sich Peking durch den sowjetischen Expansionismus bedroht. Unmittelbar nach der Invasion der Tschechoslowakei prägte Zhou Enlai den Terminus “Sozialimperialismus”. Nach chinesischer Auffassung ist das Ziel der sowjetischen “Sozialimperialisten” nichts Geringeres als globale Kontrolle (laut chinesischer Terminologie “Welthegemonie”).

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Karel Kovanda, ein ehemaliger Dubtschek-Aktivist, verbrachte die letzten zwei Jahre in der Volksrepublik China. Nach seiner Rückkehr in die USA, wo er jetzt ansässig ist, veröffentlichte er einen aufschlussreichen Artikel in der “Los Angeles Times”. Kovanda erinnert daran, dass die chinesische Presse vor einem Jahr die Welt vor einer sowjetischen südwärts gerichteten Aggression gewarnt habe. Chinesische aussenpolitische Beobachter betonten damals die Gefahr einer militärischen Aktion des Kremls, deren Ausgangspunkt die sowjetischen zentralasiatischen Republiken sein würden. Das Ziel einer derartigen militärischen Operation wäre — der chinesischen Presse zufolge — der Durchbruch zum Indischen Ozean. Hierdurch würde nicht nur China umzingelt, sondern auch die amerikanischen strategischen Positionen im westlichen Pazifik und die Ölversorgungswege vom Persischen Golf nach Japan, den USA und Westeuropa wären einer tödlichen Gefahr ausgesetzt.
Somit hat die chinesische Presse vor einem Jahr die Besetzung Afghanistans durch die Sowjetarmee vorausgesagt. Westliche Beobachter nahmen damals diese düsteren Prophezeiungen Pekings nicht allzu ernst. Man hatte sich schon an die chinesischen politischen Termini “Hegemonismus” und “Sozialchauvinismus” gewöhnt. Erst nach der Invasion Afghanistans erschienen in der westlichen Presse zahlreiche Artikel, die essentiell den chinesischen vorjährigen Warnungen gleichkommen.
Die jüngsten Ereignisse in Afghanistan haben klargemacht, dass die Sowjetische Expansionspolitik zu einer noch grösseren Annäherung zwischen Washington und Peking führen könnte. Der sowietsch-chinesische Konflikt hat 1980 bedeutend gefährlichere Ausmasse angenommen, als man es 20 Jahre zuvor für möglich hielt.        L.K.
[Aufbau, May 30, 1980. p.2.]

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