Bei der Analyse der Ereignisse in Afghanistan wird meist ein wichtiger Umstand übersehen. Mit der Invasion des Nachbarlandes haben die Sowjets gezeigt, dass sie an den von Marx, Engels und Lenin verkündeten historischen Materialismus nicht mehr glauben. Einer der Grundthesen des Marxismus zufolge verfügt einzig und allein die kommunistische Partei über die wissenschaftliche Fähigkeit zur Erkenntnis der in der Geschichte wirksamen Gesetzmässigkeit. Der Sieg des Sozialismus und Kommunismus, heisst es bei Marx, Engels und Lenin, sei eine historische Notwendigkeit. Der konkrete Zeitpunkt der proletarischen Revolution hänge von dem wirtschaftlichen Entwicklungszustand und den sozialen Verhältnissen in den einzelnen Ländern ab. Die Rolle der proletarischen Revolution wurde von den „Klassikern des Marxismus-Leninismus“ mit einer „Geburtshelferin“ verglichen. In Angola, Äthiopien, besonders anschaulich aber in Afghanistan ist jedoch die Tätigkeit der KPdSU nicht auf „Geburtshilfe“, sondern auf Tod und Vernichtung gerichtet. Wer bisher aus den tragischen Gulag-Ereignissen die zwingenden Schlussfolgerungen nicht zu ziehen vermochte, hat nun erneut die Gelegenheit, sich darüber zu informieren, wie es um die „historischen Gesetze des Marxismus“ bestellt ist.
Tagtäglich bringt die Weltpresse Berichte über sowjetische Strafexpeditionen in Afghanistan, bei denen ganze Dörfer vernichtet und ihre Bewohner, darunter Frauen und Kinder, ermordet werden.
Das Problem der „historischen Gesetzmässigkeiten des Marxismus“ ist seiner Natur nach keineswegs nur ein rein theoretisches. Der Legitimitätsanspruch der kommunistischen Partei ist aufs engste mit der These verbunden, dass der Verlauf der Menschheitsgeschichte die „proletarische Revolution“ rechtfertige. In der Sowjetunion wird in Schulen und Universitäten der Jugend eingebläut, dass sich die Partei in allen ihren Aktionen von einer wissenschaftlich fundierten Theorie, dem Marxismus-Leninismus, leiten lasse. Diese „Gehirnwäsche“ ist eine notwendige Voraussetzung für den Glauben an die Unfehlbarkeit der Partei.
Wen die Geschichte begünstigt, sollte sich nicht genötigt sehen, ein unkalkulierbares Risiko, wie zum Beispiel in Afghanistan, einzugehen. Der sowjetische Waffen- und Truppeneinsatz in den Ländern der Dritten Welt zeugt davon, dass die Kremlführer schon längst nicht mehr an die von ihnen proklamierten Gesetzmässigkeiten glauben. Daraus ergibt sich aber mit besonderer Deutlichkeit die usurpatorische Natur der Sowjetmacht, die sich ja auf dem Anspruch auf die einzig wahre Deutung historischer Prozesse gründet.
Der ideologische Entartungsprozess der Kreml-Elite offenbart sich in steigendem Mass in der Tendenz, die sowjetische militärische Präsenz in Asien, Afrika und Lateinamerika ständig auszuweiten. Die marxistische Ideologie ist jetzt nichts weiter als ein Machtmittel, der im Kampfe um Einflusssphären in den Entwicklungsländern psychologisch von Nutzen ist und dazu beiträgt, die Bevölkerung des Sowjetimperiums im Banne zu halten.
Von Bedeutung ist auch der Umstand, dass der Entscheidungsprozess im Kreml sich immer häufiger auf unzureichende Informationen stützt. Davon zeugen die in der britischen Presse veröffentlichten Interviews des jüngsten sowjetischen Überläufers Ilja Dzhirkvelov, eines ehemaligen einflussreichen KGB-Offiziers und TASS-Korrespondenten. Dzhirkvelov war 34 Jahre lang Mitglied der KPdSU. Er war jahrelang in leitender Funktion im sogenannten 1. Direktorat des KGB tätig, dem der Nachrichten- und Abwehrdienst untersteht. 1967–70 war Dzhirkvelov TASS-Korrespondent in Sansibar, danach zwei Jahre lang im Sudan. Aus seinen jetzt in London erschienenen Interviews ergibt sich ein aufschlussreiches Bild sowjetischer Inkompetenz. Dafür einige Beispiele: Sechs Monate vor der Massenausweisung der sowjetischen Militärexperten und Instrukteure aus Ägypten (1972) weilte Boris Ponomarjew, ein Mitglied des allmächtigen Politbüros, in Kairo. Nach seiner Heimkehr sprach Ponomarjew mit höchster Anerkennung von dem „enthusiastischen Interesse der Ägypter für den Marxismus-Leninismus“. Der hochgestellte sowjetische Gast kam zu derart unrealistischen Schlüssen trotz aller Warnungen sowjetischer Diplomaten, die die Befürchtung aussprachen, dass Sadat Vorbereitungen treffe, auf den Westen umzuschalten.
Dzhirkvelov zufolge hat die UdSSR Milliarden Rubel in Afrika vergeudet. Nkrumah in Ghana, Kenneth Kaunda in Sambia und Milton Obote in Uganda wurden von den Sowjets erfolglos umworben. Die Unterstützung Idi Amins durch Moskau nennt Dzhirkvelov einen „fatalen Fehlschluss“.
Zu einem schmählichen Fiasko führten im Juli 1971 die sowjetischen Bemühungen, den sudanesischen Präsidenten Nimeiri zu stürzen. Dzhirkvelov befand sich damals in Khartum in doppelter Funktion, als KGB-Agent und TASS-Korrespondent. Heute behauptet der ehemalige Sowjetspion, dass er am Misserfolg des von Moskau geplanten Umsturzversuches nie gezweifelt habe.
Die sowjetischen Interventionen in Angola und Äthiopien und der vom Kreml initiierte Einsatz kubanischer Truppen in Afrika sind nach Dzhirkvelovs Ansicht „typische Aktionen von Hasardeuren, die alles auf eine Karte setzen“.
Aus Dzhirkvelovs Interview ergibt sich, dass die sowjetischen „Pragmatiker“ sich von unrealistischen und allzu optimistischen Überlegungen leiten lassen, die auf ihrer unzureichenden Tatsachenkenntnis beruhen.
Es lässt sich annehmen, dass auch die Entscheidung, in Afghanistan zu intervenieren, auf einer übermässig zuversichtlichen Bewertung der militärischen Lösung des Konfliktes beruhte. Die Sowjets haben wohl kaum die mit der Invasion Afghanistans verbundenen militärischen und diplomatischen Komplikationen in genügendem Mass in Rechnung gestellt.
Dzhirkvelov betonte in einem seiner Interviews, dass in der Sowjetunion heute eine „Aristo-Bürokratie“ an der Macht ist, die sich aus prinzipienlosen Karrieristen zusammensetzt, denen keinerlei „Ideale des Kommunismus“ vorschweben.
Die ideologische Entartung der sowjetischen Elite und deren globales Hasardspiel könnten sich in den achtziger Jahren, beim Machtantritt der Nachfolger Breschnews, noch weiter intensivieren.

L. K.