Polnische “Solidarität” aktiv und widerstandsfähig

Moskau muss zähneknirschend zusehen

US-Korrespondenten berichten nur selten über die Untergrundpresse in Polen. Zuverlässigen Quellen zufolge erscheinen heute in Polen etwa 200 illegale bzw. halbillegale Zeitungen und Zeitschriften. In diesem autoritär regierten Land, wo erst im Sommer 1983 das Kriegsrecht aufgehoben wurde, gibt es jetzt mehr Untergrundverlage als zur Blütezeit der “Solidaritäts”-Bewegung. Im heutigen Polen existieren zwei illegale Nachrichtenagenturen. Die Bücher, die von den Untergrundverlagen herausgegeben werden, sind aufs beste ausgestattet. Von Interesse ist die Tatsache, dass die Honorare der offiziell verbotenen Verlage die der staatlichen Verlage etwa um das Fünffache übersteigen. Der grösste politische Untergrundverlag “Kreng” (Kreis) veröffentlicht Bücher in Auflagen von etwa 10.000 Exemplaren. Unlängst erschien in diesem Verlag George Orwells Roman 1984. Innerhalb kürzester Zeit war das Buch vergriffen.
In Polen kann Lech Walesa, der Wortführer der verbotenen “Solidarität”, westlichen Korrespondenten Interviews geben und darin betonen, er werde auch weiterhin alles daransetzen, den Zielen der “Solidarität” zum Durchbruch zu verhelfen. Als 1983 Walesa der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, gestattete die Warschauer Regierung seiner Frau Danuta, nach Stockholm zu reisen, um den Preis in Stellvertretung ihres Gatten in Empfang zu nehmen.
Lech Walesas Name figuriert auch in einem offiziell herausgegebenen Handbuch, das die biographischen Angaben und Adressen der bekanntesten polnischen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Kunst und Kultur enthält. Das Handbuch erschien in einer Auflage von 50.000 Exemplaren, war aber — trotz des verhältnismässig hohen Preises (1200 Zloty, etwa 11 US-Dollar) — im Handumdrehen vergriffen.
Der Leser findet im Handbuch nicht nur die Namen berühmter Polen der Gegenwart, sondern auch die der Vergangenheit, die in der UdSSR und in anderen Ländern des Sowjetblocks verfemt sind. Die Abonnenten mehrbändiger Sowjetenzyklopädien wurden von den Behörden in schriftlicher Form oft ermahnt, diejenigen Seiten herauszuschneiden, die Angaben über Persönlichkeiten enthielten, welche mittlerweile in Ungnade gefallen waren.
Im heutigen Polen mischte sich die Zensur nur in geringem Mass in die Verlagstätigkeit der Herausgeber des Handbuchs berühmter Landsleute ein. In dem Lech Walesa gewidmeten Artikel heisst es, dass er Elektrotechniker und Friedensnobelpreisträger ist. Walesas führende Rolle in der “Solidaritäts”-Bewegung wird selbstverständlich nicht erwähnt. Auch seine Adresse fehlt im Handbuch (sie ist jedoch sämtlichen “Solidaritats”-Aktvisten bekannt).
Bis zur Einführung des Kriegsrechts im Dezember 1981 veranstaltete die “Solidarität” Massenkundgebungen auf den Plätzen und Strassen polnischer Städte. Heute versammeln sich die Anhänger der oppositionellen Bewegung in den Diensträumen katholischer Kirchen. Hier werden nicht nur Versammlungen abgehalten, sondern auch Buch- und Kunstausstellungen veranstaltet. Natürlich sind die Sicherheitsbehörden darüber im Bilde. Doch sie halten es für zweckmässiger, einer Konfrontation mit Kirche und “Solidarität” — soweit möglich — auszuweichen.
Bis Ende 1981 hatte die “Solidarität” etwa zehn Millionen Mitglieder. Nach verlässlichen Angaben aus Kreisen der polnischen Untergrundbewegung gibt es heute in der von der Regierung aufgelösten Gewerkschaftsbewegung nicht weniger als eine Million Personen, die regelmässig ihre Mitgliedsbeiträge zahlen. Diese Geldsummen erleichtern der “Solidarität”, ihre Widerstandsaktionen durchzuführen.
Die “Solidarität” hat einen Geheimsender, der in regelmässigen Zeitabständen Nachrichten ausstrahlt, die von Millionen Polen gehört werden. Diese “Solidaritäts”-Nachrichten werden zum selben Zeitpunkt gesendet, wenn Radio Warschau die offiziellen Nachrichten überträgt.
Die “Solidarität” verfügt über ein weitverzweigtes Netz von Kurieren, die Geheimaufträge wahrnehmen und von Stadt zu Stadt Weisungen und Meldungen überbringen, die der offiziellen Post nicht anvertraut werden können. Ьbrigens druckt die “Solidarität” ihre eigenen Briefmarken, die in Zukunft einmal zu philatelistischen Seltenheiten werden könnten.
All diese Umstände ergeben sich aus der Tatsache, dass die kommunistische Partei Polens ihre einstige Bedeutung weitgehend eingebüsst hat. Heute gibt es in Polen nur drei politische Kräfte: die Regierung General Jaruzelskis, die katholische Kirche und die im Untergrund kämpfende, jedoch von Millionen Polen unterstützte “Solidarität”.
Von grösster Bedeutung ist auch die bemerkenswerte Unterstützung der über die ganze Welt verstreuten 15 Millionen Auslandspolen (dadurch unterscheidet sich die polnische Emigration wesentlich vom sowjetrussischen Exil). Die meisten der Auslandspolen lassen die Verbindung mit dem Mutterland nie ganz abreissen.
Die Regierung Jaruzelskis sah sich unlängst genötigt, etwa 500 Betriebe (meist Reparaturwerkstätten und Kleinbetriebe) — unter eigens dazu vorgesehenen Bedingungen — Auslandspolen zu überlassen. Hier wird nach kapitalistischen Gesichtspunkten bewirtschaftet. Selbstverständlich profitiert auch der Staat dabei.
Der Kreml ist über die in Polen herrschende Situation bestens informiert. Der Sowjetführung bleibt aber nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beissen und die “polnische Mißstände” zu dulden.

L.K.

[Aufbau Dec. 21, 1984. p.7]

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