Westliche Filme — beliebter Zeitvertreib der Sowjetelite

Im Gegensatz zum Kreml, der über das Privatleben führender Staatsmänner und Politiker des Westens aufs Beste informiert ist, weiss man in Westeuropa und Amerika recht wenig über die Lebensweise der Sowjetelite. Swetlana Alilujewa, Stalins Tochter, die heute in den Vereinigten Staaten lebt, hat in ihren zwei Büchern unter anderem die Zechgelage beschrieben, die im Kreml der Stalinzeit gang und gäbe waren. Milovan Djilas hat in einem seiner Bücher anhand konkreter Beispiele gezeigt, dass Stalin selbst bei diesen Anlässen nüchtern blieb, während er seine Parteigenossen, darunter auch hochgestellte Komintern-Repräsentanten, geradezu nötigte, sich zu betrinken.
Über das Privatleben Leonid Breschnjews und seiner Kollegen vom Politbüro ist nur wenig bekannt. Man weiss, dass der sowjetische Staatschef eine Vorliebe für westliche Autos hat, die er geradezu “sammelt”. Zuweilen dringen vereinzelte Informationen in den Westen, die von der Doppelmoral der Sowjetelite zeugen. Was öffentlich als “Dekadenz und Sittenlosigkeit des Kapitalismus” gebrandmarkt wird, erscheint Moskauer führenden Kreisen in höchstem Mass attraktiv.
Unlängst wurde bekannt, dass Goskino, die staatliche Filmorganisation der UdSSR, insgeheim Dubletten westlicher Filme herstellt. Die Originale werden danach an die westlichen Verleihgesellschaften zurückgesandt, wobei es in Begleitschreiben meist heisst, dass die sowjetischen Kinobesucher an dem betreffenden Streifen nicht interessiert seien. Die Dubletten (von Goskino reproduziert) werden jedoch von den sowjetischen Filmbehörden ihren osteuropäischen Freunden zur Verfügung gestellt. Die in der Sowjetpresse als “unzüchtig” und “unmoralisch” angeprangerten Filme kommen auf diese Weise in besonders privilegierten Kreisen, einschliesslich dem Politbüro, zur Vorführung.
Im Oktober vergangenen Jahres sagten Nadeschda und Nikolai Pankow vor einem Moskauer Gericht aus, Mitgliedern des sowjetischen Politbüros wurden heimlich reproduzierte westliche Streifen — darunter auch Pornofilme — vorgeführt. Die Eheleute Pankow, die im vergangenen Juli (angeblich wegen Abbaus des Goskino-Personalbestands) entlassen wurden, erhoben gegen die staatliche Filmorganisation Klage, und nahmen sieh vor Gericht kein Blatt vor den Mund. Das sowjetische Volksgericht in Domodedowo (einem Moskauer Vorort) zeigte in diesem Fall Mut und erstaunliche Unabhängigkeit. In der Gerichtsentscheidung hiess es. die Kläger seien im Recht, und hätten Anspruch auf sofortige Wiederanstellung.
David Satter, dem Moskauer Korrespondenten der “Chicago Sun-Times”, zufolge, hat Goskino sich geweigert, dem Urteil Folge zu leisten und verweigerte den Pankows Zutritt zu ihrem alten Arbeitsplatz oder auch nur mit ihnen in Kontakt zu treten. Sie hatten in unverzeihlicher Weise aus der Schule geplaudert.
Wie aus Moskau erfahren wurde, zeigt die Sowjetführung besonderes Interesse an Porno-Filmen, aber auch an James-Bond-Streifen sowie an filmen, die in der Sowjetpresse als “antisowjetische Propaganda” bezeichnet werden. Der amerikanische Film “The Deer Hunter” könnte als Beispiel für die sowjetische Doppelmoral dienen. Während der Vorführung dieses US-Films im Rahmen des Festivals in Cannes (1980) verliess die Sowjetdelegation demonstrativ den Saal. Dessenungeachtet erfreute sich gerade dieser Film besonderer Beliebtheit in höchsten Sowjetkreisen.
Ausser den Mitgliedern des Politbüros und des Zentralkomitees gehören zu den Privilegierten, denen westliche Filme vorgeführt werden, auch hochgestellte Beamte, Literaten und Journalisten. Die Beliebtheit westlicher Filme in sowjetischen Partei- und Regierungskreisen nimmt zuweilen auch wunderliche, ans Absurde grenzende Formen an. Als im Oktober 1980 der Leninpreis für den besten Sowjetfilm des Jahres verliehen wurde, fand für die in Moskau versammelten Würdenträger und “Kulturschaffenden” eine Reihe von Empfängen und Unterhaltungsabenden statt. Zur Vorführung gelangten hierbei ausschliesslich westliche Filme erotischen Inhalts.

L.K.

[Aufbau Jan. 29, 1982. p.6]

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